Digitales Recruiting in Zeiten von Corona: Die zwei Seiten der Video-Medaille

Digitales Recruiting in Zeiten von Corona: Die zwei Seiten der Video-Medaille 2000 1333 Alexander Wilhelm

Die Rekrutierung von Führungskräften kann für jedes Unternehmen schon unter normalen Umständen eine Herausforderung sein, ganz zu schweigen von der aktuellen globalen Pandemie. Kein Wunder also, dass sich virtuelle Vorstellungsgespräche zunehmender Beliebtheit erfreuen und immer häufiger bei ersten Interviews mit Kandidatinnen und Kandidaten berücksichtigt werden. Dabei können scheinbare Kleinigkeiten entscheidend und ausschlaggebend sein.

Will der Berater oder die Beraterin sich einen ersten Eindruck verschaffen, sind Video-Interviews oftmals ausreichend und unverbindlicher als persönliche Treffen. Sie lassen sich für potentielle Kandidatinnen und Kandidaten leichter vor dem aktuellen Arbeitgeber verbergen und schneller im Terminkalender unterbringen, weil lange Anfahrtswege, Stau, Probleme mit der Bahn oder Parkplatzsuche entfallen. Kurzfristige Terminverschiebungen sind zumeist ebenfalls einfacher zu realisieren als fest geplante Gesprächstermine mit mehreren Beteiligten. Auch die Kommunikation über verschiedene Zeitzonen wird vereinfacht und erspart Reisekosten.

Effizient per virtuellem Gespräch

Das Interview per Video ist effizienter, der Small-Talk wird kurz gehalten. Im Büro hingegen wird noch Kaffee ausgeschenkt, über die Anfahrt gesprochen oder das aktuelle Wetter thematisiert.

Beide Seiten können während eines Calls besser nach Informationen im Netz recherchieren. Zum Beispiel die Website des aktuellen Unternehmens checken, weitere Fragen stellen oder Aussagen des Kandidaten prüfen. Allerdings sollten alle Gesprächspartner dazu professionell kommunizieren, damit es nicht unbeholfen und teilnahmslos aussieht.

Introvertierten Menschen mag eine erste Online-Präsentation der eigenen Person leichter fallen. Aber irgendwann finden Gespräche auch wieder persönlich statt. Dann muss die Harmonie mit der Führungskraft stimmen, damit sich der vermeintliche Vorteil nicht als Handicap herausstellt.

Die Basics müssen stimmen

Virtuelle Video-Calls haben ihre Vorteile, aber auch ihre Tücken. Einige Kandidatinnen und Kandidaten haben eine zu lockere Einstellung zu Online-Interviews. Zwar setzt allmählich ein Lernprozess ein, dennoch sind einige Basics zu beachten:
• Seien Sie pünktlich, planen Sie genug Zeit ein.
• Achten Sie auf einen angemessenen Dresscode
• Prüfen Sie die Technik: Licht, Kamera und Ton
• Richten Sie den Blick in die Kamera.

Vielen ist gar nicht bewusst, was sie von sich preisgeben. Schon der Schreibtisch kann tiefe Einblicke gewähren, gewollt oder ungewollt. Herrscht etwa Chaos, lassen sich möglicherweise Rückschlüsse auf die Arbeitsweise folgern. Weitere Fragen, die sich jeder Teilnehmer unbewusst stellt: Wie sieht der Hintergrund aus, welche Bilder hängen an der Wand? Oder wird der Hintergrund sogar bewusst ausgeblendet?

Nicht zu vergessen, all jene großen und kleinen „Unfälle“, die im Home Office so passieren können und die im vergangenen Jahr weltweit für Lacher sorgten. Die Katze, die auf der Tastatur herumläuft, das kleine Kind, das urplötzlich zur Tür hereinkommt. Wie souverän jemand mit solchen unvorhersehbaren Stresssituationen umgeht, kann genauso jobentscheidend sein wie ungeputzte Schuhe im realen Interview.

Echte Treffen bleiben unentbehrlich

Trotz der Vorteile von Videomeetings kommen Personalberater nicht umhin, einen Kandidaten oder eine Kandidatin auch persönlich zu treffen. Die vielbeschworene Chemie muss stimmen, wir wollen die Bewerber und Bewerberinnen und ihre Persönlichkeit kennenlernen. Selbst Führungskräfte, die für eine Stelle im Ausland vorgesehen sind, sollten sich im Unternehmen vor Ort präsentieren.

Denn eine Besetzung auf Basis von virtuellen Vorstellungsgesprächen birgt Risiken. Es gibt viele Aspekte, die von Beratern ausschließlich bei einem realen Treffen geprüft werden können:

Wie kommt jemand zum Termin? Ist er spät dran und abgehetzt? Sitzt die Kleidung und was sagt sie über den Bewerber aus? Wie ist der Händedruck? Falls es ein Termin in einem Restaurant ist: Wie geht jemand mit den Kellnerinnen oder Kellnern um? Wie verhält er oder sie sich bei lärmender Umgebung?

Videointerviews sind kein Allheilmittel. Sie können allerdings eine sinnvolle Ergänzung bei Erstgesprächen sein. Auch Bewerber können virtuell überzeugen, indem sie gut vorbereitet sind, sich an die Umstände flexibel anpassen und bereit sind, sich weiterzuentwickeln. Dennoch wird es bei aller Begeisterung für die Technik und deren Vorteile weiterhin „echte“ Begegnungen mit „echten“ Menschen geben. Und das ist auch gut so.

 

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